Tiflis, international meist Tbilisi genannt, ist die Hauptstadt Georgiens und eine der spannendsten Städte im Kaukasus. Historische Kirchen, bunte Häuser und moderne Architektur treffen hier aufeinander.
Irgendwie ist es kein Wunder, das Tiflis und Georgien immer öfter auf den Reise-Wunschlisten landet: Es tut sich was in Tiflis. Während man sich als Tourist noch irgendwie mit überlaufenen und gehypten Städte-Destinations wie Berlin oder Barcelona arrangieren kann, indem man außerhalb der Saison hinfährt, sieht das Ganze für die immer größer werdende Anzahl an nomadisch lebenden Freelancern und Künstlern anders aus. Berlin und Barcelona, das waren immer Prototypen für energiegeladene, internationale Städte, in denen es sich spontan gut und günstig leben und arbeiten ließ. Aber eben: Das war einmal.
Das Fabrika in Tiflis war einst eine – Überraschung – Fabrik.
Fabrika Tbilisi: Hostel & Zufluchtsort für Kreative und Digitale Nomaden
Coworking Spaces sind nicht mehr diese im Kleinen organisierten Bürogemeinschaften, in die man sich spontan einbuchen kann – mittlerweile ist daraus eine richtige Industrie geworden, in der große Player gerne mitspielen. Zum entsprechenden Preis. Für Künstler wird es ebenfalls nicht einfacher, geeignete Atelierräume zu finden.
Und irgendwie schlägt sich das, zumindest in Berlin, in der Stimmung der Stadt nieder. Alles ist ein bisschen weniger kreativ, weniger spontan, weniger innovativ geworden. Das kann einem ja als Tourist zunächst egal sein, aber eine kreative, vibrierende Umgebung beeinflusst nunmal die Atmosphäre einer Stadt. Und dieses Spontane, Spannende – ist es nicht das, was uns an solchen Städten interessiert? Das Fabrika Tbilisi ist aber nicht nur Coworking Space, sondern vor allem auch ein ziemlich cooles Hostel! (Es gibt übrigens auch Privatzimmer.)
Ein alter VW Bulli dient im hippen Fabrika Tbilisi als Fotoautomat.
Fabrika Tbilisi – der urbane Hotspot von Tiflis
Fabrika in Tiflis ist ein solch spannender Ort. Ehemals eine große Textilfabrik, befindet sich hier eine Art kulturelles Zentrum der Stadt. Das Herzstück ist der große Bau an der Straßenseite: Wo einst zu Sowjetzeiten Nähmaschinen ratterten, schlafen jetzt im Fabrika Hostel Hipster aus aller Welt. Die Lobby: Eine alte Halle mit meterhohen Sprossenfenstern, eingerichtet mit gemütlichen Sofas und Flipperautomaten.
Nebenan befindet sich das angeschlossene Restaurant mit guter Küche, man spürt den Willen zu innovativen Gerichten – nur das mit der Portionsgröße und entsprechendem Preis will noch nicht immer klappen. (Ein einsames Löffelchen Kartoffelpü an Gulasch ist vielleicht doch zu sehr Nouvelle Cuisine.)
Auf dem Gelände gibt es allerdings noch weitere Bars und Restaurants, dazu Künstlerateliers mit Verkaufsecke und ein großes Coworking Space. Und allerlei kleine Gimmicks: Brandwände, voll mit den schönsten Murals, einem umgebauten VW-Bus als Fotokabine und ein alter Lada als Fotospot oder einfach nur zum Schönfinden.
Naja, also, es wäre etwas kurzfristig und ziemlich spontan – aber ob ich vielleicht nicht eventuell zufällig Lust auf ein Wochenende in Tiflis hätte. Sandra von Tracks and the City hätte gar nicht fragen müssen. Spontane Reisen? Sie sind immer die Besten. Also dann – auf die Suche nach den besten Tiflis-Sehenswürdigkeiten und Tipps.
Die besten Sehenswürdigkeiten in Tiflis
Nicht, dass Georgien sonst nichts zu bieten hätte – im Gegenteil! Georgien ist sowas wie die neue In-Destination für Naturfreunde, weil es mega zum Wandern ist und irgendwie exotisch wirkt, weil es noch nicht auf dem Pauschaltouristen-Radar ist und gesegnet mit Wahnsinns-Berglandschaften ist.
Aber Tiflis als Städtetrip? Hat Tiflis Sehenswürdigkeiten? Hierzulande ist die Hauptstadt Georgiens noch relativ unbekannt. Zu Unrecht. Und das Beste: Tiflis ist das ganze Jahr über erreichbar. Der Flug dauert zwar 4 Stunden, ist aber mit etwas Glück ziemlich entspannt – und man landet in einer (noch) von Touristenmassen verschonten Destination.
Die wunderschön verzierten Laubengänge sind typisch für die alten Gebäude in Tiflis.
Bequeme Sneakers und ab in die Altstadt! Der Altstadtkern von Tiflis ist gepflegt und gut erhalten, und beherbergt viele Sehenswürdigkeiten wie z.B. den Uhrturm des Reno Gabriadze Theaters, die Sioni-Kathedrale oder die alte Karawanserei. Hier findet man auch die besten Beispiele für die typische alte Tifliser Architektur: In die romantischen Häuser mit ihren schnörkelig verzierten Laubengängen aus Holz möchte man am liebsten sofort einziehen!
#2 Bernhardiner streicheln auf dem Mtatsinda
Tiflis liegt in einer Talsohle an der Kura, daher liegt es nahe, sich mal die Stadt von einem der umliegenden Berge aus anzusehen. Beliebter Ausflugsort, auch für Einheimische, ist der Mtatsinda. Rauf (und auch runter) geht’s mit der ziemlich modernen Zahnradbahn. Und oben gibt’s den geilsten Blick überhaupt auf die Stadt, einen Vergnügungspark mit Riesenrad (wem’s noch nicht hoch genug ist), einen Streichelzoo und diverse Lokale in der schnieken Bergstation.
Vom Mtatsinda aus kann man weit über Tbilisi schauen.
Das mit dem Streichelzoo ist übrigens wohl so’n georgisches Ding: Die Georgier sind sehr tierlieb und neben dem Streichelzoo gibt’s am Eingang zwischen Zuckerwattestand und Jahrmarktbuden einen Stand, an dem zwei riesige Bernhardiner liegen, die man gegen Geld knuddeln kann. Normalerweise kommt mir ja bei jeglicher Art von Tierattraktion gegen Bezahlung einiges hoch, aber so wie die beiden entspannt mit allen Vieren nach oben lagen und sich den Pelz kraulen ließen, hätte wohl selbst Peta seinen Segen gegeben. Schönes Gimmick bei Nacht (neben der Aussicht) ist der Fernsehturm, der seine Farbe nahezu minütlich ändert.
Ja, ich weiß, ich hab’s zwar nicht mit Religion und Kirche, aber am Ende lande ich trotzdem immer in mindestens einer. Kirchengeschichte gehört eben dazu, wenn man sich mit Landeskultur und Geschichte befassen will. Das gilt besonders in Georgien, mit einer sehr gläubigen Bevölkerung und einer sehr langen Kirchentradition. Georgier haben ihre eigene Version der orthodoxen Kirche, ihren eigenen Patriarchen und ihre eigenen Bräuche.
Wie in orthodoxen Kirchen üblich, gibt es keine Sitzgelegenheiten und Messen können auch mal gerne den halben Tag dauern. Macht aber nix, in Kirchen geht’s oft zu wie im Bahnhof, mal geht man raus eine rauchen, dann trifft man Bekannte und mitten im Hin und Her wird getauft oder auch mal geheiratet. Auch wir als offensichtliche Touristen wurden sofort eingemeindet, aber das Angebot des Priesters, der für uns dem lieben Gott unsere Fürbitten vortragen wollte, haben wir dann doch aufgrund der Sprachbarriere abgelehnt.
Achtung: Mit der Kleiderordnung wird nicht so locker umgegangen. Für Frauen sind Kopfbedeckungen und in einigen Kirchen sogar Röcke Pflicht (meist gibt es dann Leihkopftücher und -wickelröcke zum Überziehen). Fotografieren kann verboten sein. Highlight ist die Sameba-Kathedrale, die erst 2004 erbaut wurde und hoch über der Stadt thront.
Die Sioni-Kathedrale in der Innenstadt von Tiflis ist eine der wichtigsten Kirche der georgisch-orthodoxen Kirche.
#4 Die prachtvollen Häuser aus der Gründerzeit
Von Prunk bis Verfall: In Tiflis Altbauten gibt es viel zu entdecken.
Unglaublich, was da für architektonische Highlights hinter manch halb verfallener Fassade schlummern. Manche Häuser sind bewohnt und in Privatbesitz, aber da kann man durchaus mal freundlich klingeln und nett fragen. Georgier scheinen auf den ersten Blick zurückhaltend Fremden gegenüber, haben aber merkwürdigerweise kein Probleme damit, wenn eine Gruppe Touristen mit gezückter Kamera durch den Hinterhof des eigenen Hauses tingelt.
#5 Georgische Spezialitäten probieren
…gerne auch in Kombination mit:
#6 Georgischer Wein und Spirituosen
Die Georgier sind keine Kostverächter: Es wird getrunken, gegessen, getrunken, gegessen, bis der Arzt kommt. Und das ist kein Wunder: Georgien ist das erste Weinbaugebiet der Welt und zu Sowjetzeiten galt es als das Mekka der feinen Küche. Die georgische Küche ist so krass gut, das kann man gar nicht in diesen kurzen Absatz fassen: Separater Foodguide folgt. Darauf erstmal einen Chacha (georgischer Schnaps)! Und für Vegetarier gibt’s gute Nachrichten: Die georgische Küche ist gar nicht sooo fleischlastig, Sandra von Tracks and the City hat extra für ihren kommenden Veggie Food Guide recherchiert.
Speziell: Georgischer Wein reift in Tonkrügen und schmeckt, naja, besonders intensiv.
#7 Das georgische Alphabet
Mit den vielen Schnörkeln ist das georgische Alphabet richtig hübsch.
Dass das Georgische ein eigenes Alphabet besitzt, war mir gar nicht bewusst, ich Banause. Ich dachte maximal an kyrillische Buchstaben oder deren Abwandlungen. Aber tatsächlich gibt es ein eigenes Alphabet, das, wie ich finde, mit seinen vielen Schnörkeln und Rundungen noch dazu wunderschön aussieht. Irgendwie richtig blumig und eine totale Augenweide.
#8 Straßenhunde und -katzen in Tiflis
Es fällt sofort auf: In Tiflis gibt es jede Menge Straßenhunde und herumstreunende Katzen. Bevor mir das Herz bluten konnte, versicherte man mir, dass alle Hunde registriert seien – und tatsächlich: Alle Hunde sind sehr gepflegt und wirken gesund. Und nicht nur das. Die meisten sind so zutraulich, dass man sie kaum loswird, wenn sie einen einmal in ihr Hundeherz geschlossen haben. Nirgends werden sie verjagt oder schlecht behandelt, wie man das vielleicht aus anderen Ländern kennt. Im Gegenteil: Sogar vor dem Amtssitz des Premierministers dürfen Hunde faulenzen und liegen ganz entspannt vorm Gebäude, neben den Wachmännern.
#9 Die Schwefelbäder in Abanotubani
Schwefelgeruch mag auf den ersten Riecher unangenehm sein und an faule Eier erinnern, aber das vergeht spätestens beim Anblick der prächtigen Bäder in Abanotubani wie dem Orbeliani-Bad.
Traumhaft schön: Das Eingangportal zum Orbeliani Bad in Abanotubani.
Außen tausendundeine Nacht, findet man innen einzelne Bäder in privaten Kabinen – dort kann man es sich allein oder mit Partner/Freunden gemütlich machen. Massagen gibt’s auch – und wie immer, trotz Pomp, alles für ’nen schmalen Taler. Die perfekte Location für eine kleine Auszeit! Gebadet werden kann ohne Klamotten (für Georgier eher befremdlich) oder mit. Ist nämlich egal, ist das Bad einmal gemietet, hat man es ganz für sich! Am Wochenende ist Reservieren übrigens ratsam, denn auch unter Einheimischen sind die Schwefelbäder von Abanotubani sehr beliebt!
Die Schwefelbäder von Abanotubani in Tiflis.
#10 Georgier aus der Reserve locken
Unser Reiseführer über Georgien, den ich kurz vor Abflug noch eingesteckt hatte, überschlug sich vor Begeisterung für die georgische Gastfreundschaft. Während ich schon dauersingende und -tanzende Georgier vor Augen hatte, die einen ständig nach Hause einladen und zwangsadoptieren, war die Realität ernüchternd. Ich habe die Einheimischen als sehr zurückhaltend wahrgenommen, vom Servicegedanken ganz zu schweigen. Freundliche Hallos, Bitte und Danke sind eher selten, aber das ist nicht böse gemeint. Und wenn man sich Mühe gibt, dann flackert auch ordentlich positive Energie auf.
Wie bei diesem Bäcker hier, der nach einer kleinen Phase des Warmwerdens uns sogar hinter die Verkaufstheke gebeten hat, damit wir seine artistischen Bäckerskünste besser filmen konnten, dann stolz seine (zugegeben wirklich ausgezeichneten) Quarktaschen präsentierte und uns letztlich mit Luftküssen und eindeutig zweideutigem Zwinkern verabschiedete.
Die Bäckerei befindet sich übrigens direkt gegenüber dem History Museum – ohne Schild geht es einfach die Treppe runter in den Keller.
Tipps für deinen Aufenthalt in Tiflis: Gönn‘ dir einen einheimischen Reiseführer!
Die meisten Tipps und das Hintergrundwissen wären uns wohl ewig verwehrt geblieben, hätten Sandra und ich nicht unser Goldstück Irina bei uns gehabt, die uns fast einen ganzen Tag begeistert durch die Altstadt von Tiflis geführt hat, immer als Fotografin zu haben war und dafür verantwortlich ist, dass hier noch einige Beiträge über Tiflis folgen werden.
In Tiflis ist nämlich noch niemand so richtig auf internationale Besucher ausgerichtet, was einerseits echt sehr toll ist, andererseits aber schwierig, wenn man an mehr Hintergrundinformationen interessiert ist. Reiseliteratur gibt’s noch nicht sooo viel über Tiflis. Vor Ort sind viele interessante Sehenswürdigkeiten nur auf Georgisch beschriftet und Englischkenntnisse sind nicht immer vorhanden. Das sieht zwar schön aus (siehe 6.), ist aber für Nicht-Georgier schwierig. Umso besser, dass wir Irina hatten, die sich zudem noch gefreut hat, mit uns Deutsch zu sprechen. Das war ihr sogar lieber als Englisch, denn sie hat lange in Deutschland studiert.
Irina bietet ihre Touren sozusagen sehr privat an, sie hat keine Internetseite oder sonstiges – also ein echter Geheimtipp! Wer an Touren in und um Tiflis mit Irina interessiert ist, kann gerne hier unter dem Post einen Kommentar hinterlassen und ich leite euch weiter.
Boutique Hotels in Tiflis
In Tiflis kann man gut und günstig unterkommen, und in den letzten Jahren haben dort richtig tolle Boutique-Hotels eröffnet. Eines davon ist das Museum Hotel Orbeliani, in der alten Stadtvilla der Familie Orbeliani (die übrigens auch Erfinder der Orbeliani-Pralinen sind, eine selten zu findende Tifliser Köstlichkeit, mehr dazu im kommenden Foodguide!). Die Lage an der trillionenspurigen Hauptstraße ist zwar gewöhnungsbedürftig, aber es gibt auch Zimmer nach hinten raus – und die individuelle und oberstylische Einrichtung des Hotels macht alles wieder wett.
Weitere coole Übernachtungsmöglichkeiten in Tiflis:
Fabrika Tbilisi* – Nicht nur Hipster-Treffpunkt, sondern auch kommunikatives Hostel! Privatzimmer gibt’s auch. Günstig. Mehr über die Fabrika erfährst du hier in meinem Artikel.
Rooms Hotel Tbilisi – sehr cooles Boutique Hotel in der Nähe der Tifliser Prachtstraße Rustaveli Boulevards.
Radisson Blu Iveria – Zwar ein Hochhaus mit etwas anonymen Hotelkettenflair, aber mit einem Swimmingpool in der obersten Etage mit dem besten Ausblick über Tiflis!
Weihnachten in Tiflis: Extra-Tipp für Weihnachtsfans!
Georgien und Weihnachten? In Georgien wird Weihnachten ausgiebig gefeiert, und in Tiflis sind viele Hauptstraßen wie der Rustaveli Boulevard wunderschön weihnachtlich geschmückt und aufwändig beleuchtet. Das Beste: Wer in Deutschland traurig ist, dass die gemütliche Weihnachtszeit vorbei ist, kann sich in Tiflis Nachschlag holen: Die Georgier feiern erst am 7. Januar Weihnachten, und bis dahin ist mit Silvester zusammen die festlichste Zeit des Jahres!
Gemütlich: Auch um die Weihnachtszeit ist Tiflis ein schönes Reiseziel.
Diese Recherchereise von Sandra von Tracks and the City und mir wurde unterstützt vom Tourism Development Department der Tbilisi City Hall.
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